Wohnt Gott im Dunkel oder im Licht?

    Mose stieg zu Gott ins Dunkel auf, doch Paulus sagt, dass er in einem unzugänglichen Licht wohnt. Was bedeutet diese widersprüchliche Symbolik für unser Leben und unsere Gotteserkenntnis?

    Von René Malgo

    25. November 2021, 11:00 Uhr
    »Das Volk hielt sich in der Ferne und Mose näherte sich der dunklen Wolke, dort, wo Gott war.« Bild: Jean-Léon Gérôme, »Mose auf dem Berg Sinai« (1895-1900).

    Einen wesentlichen Einfluss auf den Schwerpunkt des Giskim-Projekts hat die Theologie und Mystik des kappadokischen Kirchenvaters Gregor von Nyssa. Nicht jede seiner oft ziemlich kreativen Ansichten entspricht dem Konsens der Kirche oder der Grundlage Giskims, aber seine treffenden Einsichten in die Erkenntnis Gottes haben die Richtung von »Quaerere Deum, invenire beatidudinem« — Gott suchen, Glück finden – maßgeblich bestimmt. 

    Ohne Gregor von Nyssa kein Giskim. 

    Erwähnenswert ist seine Dreiteilung des menschlichen Aufstiegs zu Gott, den er bildhaft am Beispiel Moses beschreibt: Das christliche Leben beginnt mit der Reinigung, wie im brennenden Dornbusch dargestellt (2Mo 3,2). Der zweite Schritt ist die Erleuchtung, wie in der Führung in der Wüste durch die lichte Wolke am Tag und die Feuersäule bei Nacht dargestellt (2Mo 13,21). Und die dritte Stufe ist dann schließlich die geheimnisvolle Vereinigung mit Gott, wie in der Finsternis der Wolke auf dem Berg Sinai dargestellt (2Mo 20,21).

    Dieses Modell ist natürlich keine verbindliche göttliche Lehre, kann aber hilfreich sein, den menschlichen Weg zu Gott besser zu verstehen. Die dritte Stufe habe ich sicher nicht erreicht, aber in meinem Streben zu Gott, in meinem Verlangen nach ihm, spüre ich tatsächlich das Prinzip, dass es nach dem ersten Abschnitt des Lichts, das mich überhaupt erst zu Gott gezogen hat, dunkler wird.

    Das drückt auch das Giskim-Signet aus. Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so streckt sich der Christ nach Gott aus, aber das Licht, das ihm leuchtet und ihn ruft, scheint stufenweise dunkler zu werden, nicht heller.

    Was bedeutet das? Wohnt Gott etwa nicht in einem unzugänglichen Licht, sondern in der Finsternis? Wie der Teufel? Nein, es geht hier um ein Bild für seine Unbegreiflichkeit. Je näher wir ihm kommen, desto mehr erfahren wir, wie unzugänglich sein Licht wirklich ist. Und das empfinden wir als Dunkelheit. Gott ist anders.

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

    Ewiges Leben ist, Gott zu erkennen. Das ist Glückseligkeit, sagen die Heiligen. Mit anderen Worten: Dein Leben wird unendlich voll, wenn du mit Gott unterwegs bist. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Ist echte Glückseligkeit im Alltag wirklich möglich? Diese Fragen stehen hinter den Veröffentlichungen des Giskim-Projekts. Erfahre mehr im regelmäßigen Newsletter und, wenn du willst, unterstütze die Arbeit von Giskim!

    Gregor von Nyssa erklärt dies anhand folgender Aussage über Mose, als dieser den Sinai zu Gott hinauf bestieg: »Das Volk hielt sich in der Ferne und Mose näherte sich der dunklen Wolke, dort, wo Gott war« (2Mo 20,21). Er schreibt unter anderem: 

    »Was bedeutet das Eindringen Moses in die Dunkelheit und die Vision von Gott, die ihm durch die Dunkelheit vermittelt wird? Ist diese Stelle der Schrift nicht irgendwie im Widerspruch mit der Gottesschau des Eingangs? Denn zuerst erschien ihm Gott in einem Übermaß von Licht – jetzt soll es die Dunkelheit sein, in der ihm Gott seine Gegenwart offenbart! Trotzdem dürfen wir nicht glauben, dass hier ein Widerspruch in der klaren notwendigen Abfolge der geistigen Wirklichkeit aufzudecken wäre …

    Diese Schriftstelle lehrt uns, dass die religiöse Erkenntnis zuerst als Licht aufleuchtet, wenn sie zu entstehen beginnt. Und tatsächlich, das Licht verjagt alle Frevel, die nichts weiter sind als Finsternis, und die Finsternisse verflüchtigen sich durch die jubelnde Gegenwart des Lichts. Je weiter aber der Geist in seinem unendlichen Streben nach oben voranschreitet und durch eine immer größere und immer vollkommenere Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit dahin gelangt, zu begreifen, was überhaupt die Kenntnis der Wirklichkeit sein kann – und je mehr er zu echter Schau vordringt –, umso mehr und umso deutlicher sieht er, dass das Wesen der Gottheit unfassbar und unsichtbar sein muss. Sobald er die gröbsten Irrtümer überwunden und jeden Schein durchschaut hat – nicht nur das Scheinbare, das man durch die Sinne begreifen kann, sondern auch jenes andere Scheinbare, dass die menschliche Vernunft zu erschließen glaubt –, umso weiter dringt er ins Innere vor und umso eher kann er, in einer unendlichen Anstrengung des Begreifen, bis zum Unsichtbaren und Unkennbaren weiter schreiten: und hier sieht er Gott. Denn in Wahrheit, die echte Erkenntnis dessen, der wirklich sucht – und seine wirkliche Schau – kann ja nur darin bestehen, zu sehen, dass Gott unsichtbar ist. 

    Ohne Zweifel: Der, den er sucht, übersteigt jede Erkenntnis, jede Möglichkeit des Innewerdens, er ist von allen Seiten von der geschaffenen Welt durch seine Unfassbarkeit geschieden, wie durch  das undurchdringlichste Dunkel. Darum sagt auch Johannes, dieser Mystiker, der bis in die größte Dunkelheit des höchsten Lichts vorgedrungen ist: nie hat jemand Gott sehen können. Durch eine so radikale Verneinung beschreibt er das Wesen der Gottheit und sagt aus, dass ihre Kenntnis unzugänglich ist, und zwar nicht nur den Menschen, sondern auch jeder geistigen Wesenheit überhaupt. 

    Nun ist alles klar: sobald Mose in der Kenntnis Gottes schon ein wenig weiter vorgeschritten ist, da erklärt er, dass er Gott nicht im Licht, sondern in der Dunkelheit sieht, und das heißt, er erkennt, dass die Gottheit genau das ist, was wesentlich alle Kenntnismöglichkeit übersteigt und was dem Zugriff des Geistes sich ewig entzieht. Darum sagt die Schrift: ›Mose drang bis in die Dunkelheit vor, darin Gott wohnte.‹ Welcher Gott? Der, von dem geschrieben steht, dass er ›aus dem Dunkel seine Wohnung gemacht hat‹, wie auch David bestätigt, denn auch David war in dasselbe geheime Heiligtum eingeweiht, auch ihm war dasselbe undenkbare Mysterium vertraut.«

    Das ist die Realität, auf die das Giskim-Projekt mit all seinen Facetten zeichenhaft hindeuten will. Es sind nur schwache Bilder und unvollständige Hinweise, die wir bei einem solch unfassbaren Gott machen können. Wie Gregor von Nyssa dann als Fazit sagt: »Wir lernen also, dass jede Vorstellung, die uns unser Verstand anbietet, um zu versuchen, ob wir dadurch nicht das Wesen Gottes irgendwie andeuten könnten, niemals zu etwas anderem gelangen kann, als uns eine Art Idol von Gott anzubieten, statt einer Erkenntnis Gottes.«

    Der unsichtbare Gott ist unbegreiflich, das ist – in gewisser Weise – das erste, was wir begreifen, wenn wir uns der Vereinigung mit ihm nähern. Er überrascht uns, führt unsere Vorstellungen von ihm ad absurdum, entzieht sich unseren jämmerlichen Versuchen, ihn durch unsere Gebete und religiösen Übungen zu irgendetwas zu bewegen, zerstört unsere anmaßenden Ansprüche an ihn, an uns selbst und an das Leben. Und deshalb steigen wir zu ihm im Dunkel auf.

    Aus: Migne P.G. 44, 376 C-377 C, übersetzt in: Christliche Geisteswelt: Die Welt der Mystik, hrsg. v. Walther Tritsch (Baden-Baden: 1957).

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