Wie kann sich eine so skandalgeplagte Kirche heilig nennen?

    Wenn die christliche Botschaft so großartig sein soll, warum wird dann das Christentum so oft von so viel Bosheit in seiner Mitte erschüttert? Eine Antwort finden wir am Kreuz.

    Von René Malgo

    24. November 2021, 11:00 Uhr
    »Gibt es heute überhaupt etwas Heiliges an der Kirche?« Bild: Adolphe Henri Laissement, »Kardinäle im Vorzimmer des Vatikans« (1895).

    Das Große Glaubensbekenntnis nennt die Kirche »heilig«. Und der Apostel Paulus schreibt in Bezug auf Jesus, den Herrn der Kirche: »So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos« (Eph 5,27). 

    Wenn Protestanten die Skandale in der katholischen Kirche sehen, fragen sie: »Wo ist diese Heiligkeit?« Aber auch  protestantische Gemeinschaften sind nicht ohne Sünde. Missbrauchsmeldungen erscheinen unablässig (so hat es den Anschein) aus Gemeinden jeglicher Couleur, ob katholisch, orthodox, evangelikal, evangelisch, fundamentalistisch, baptistisch, etc. Niemand ist ausgenommen. Keine Institution wird von Schreckensmeldungen verschont. – Schon gar nicht im Informationszeitalter. 

    Eine etwas saloppe Reaktion auf die Krisen lautet gelegentlich, Jesus habe ja auch einen Judas unter seine Apostel berufen. Dem könnte ein kritischer Beobachter entgegenhalten: »Ja, aber es war ein Judas, nicht zwölf, elf oder zehn.«

    Gibt es heute überhaupt etwas Heiliges an der Kirche? Oder ist das Christentum nur eine dicke, fette Lüge?

    Das Problem: Heiligkeit ist schwer zu messen. 

    Einmal erhielt ich das Youtube-Video zu einem sehr bewegenden Jesus-Lied. Alles an dem Lied und an der Aufmachung rief »heilig«. Und womöglich war die Sängerin selbst das ja auch. Als ich jedoch recherchierte, welche Gemeinschaft hinter dem Lied stand, war die Ernüchterung groß. Die Aufnahme stammte aus einer extrem charismatischen Sekte, die sich inzwischen aufgelöst hatte und deren Verantwortlichen wegen Kindesmissbrauch und einer Menge anderer Perversionen vor Gericht standen. Vielleicht war die Sängerin mit der wunderschönen Stimme sogar ein Opfer ihrer vermeintlich spirituellen Führer gewesen. 

    Heiligkeit wird oft mit Äußerlichkeiten verwechselt. Ein berühmter evangelikaler Apologet und Redner galt als leuchtendes Beispiel für das Christentum, weil er Charisma hatte, gut argumentieren und sanft reden konnte und Erfolg hatte. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass er ein Doppelleben geführt und viele Frauen sexuell belästigt hatte. Im selben Zeitraum wurde auch das Doppelleben eines verstorbenen katholischen Wohltäters bekannt, von dem ein Bischof zu dessen Lebzeiten noch gedacht hatte, er würde irgendwann einmal sicher heiliggesprochen werden. Dieser Wohltäter hatte sich vorbildlich um die Ärmsten der Gesellschaft gekümmert und zugleich Frauen sexuell ausgebeutet. 

    Gerade in diesen erschütternden Beispielen können wir aber auch einen Hinweis auf die Heiligkeit der Kirche entdecken. – So schräg das klingt!

    Es ist nämlich die Kirche, die uns lehrt, was wahre Tugend und Heiligkeit ist. Und daran erkennen wir, dass die soeben genannten Männer keine Heiligen waren. Sie waren Heuchler. Wölfe im Schafspelz. Sie haben sich mit ihrem Verhalten gegen die Kirche gestellt, selbst wenn sie vorgaben, sie zu vertreten.

    Der Herr der Kirche, Jesus Christus, hat uns das Grundgesetz wahrer Heiligkeit vorgelegt, und das ist oft das Gegenteil dessen, was als angesehen in der Gesellschaft gilt: die acht Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,3-10). 

    Und hier erweist sich die Heiligkeit der Kirche. Wer diese Grundsätze mit Gottes Hilfe im Alltag lebt – wie schwach er auch sein mag –, kann ein Heiliger sein. Was die Kirche lehrt, ist wirksam, wenn man sich darauf einlässt. Das zeigen die echten Heiligen, die die Kirche hervorbringt und die auch als Vorbilder verehrt werden. 

    Das wahre Wesen der Heiligen zeigt sich oft erst nach ihrem Tod, wenn bekannt wird, dass sie wirklich kein Doppelleben geführt haben, sondern viele andere Menschenleben positiv berührt haben. Heiligkeit ist inwendig und strahlt aus dem Inneren eines Menschen nach außen aus. Und darum ist sie oft nicht auf Anhieb ersichtlich. Wie Gott dem Propheten Elia offenbarte, ist er nicht im Sturmwind oder in einem Erdbeben, sondern im leisen Säuseln des Windes. 

    Das alles beantwortet noch nicht direkt die Frage, wie sich eine so skandalgeplagte Kirche heilig nennen kann.

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

    Ewiges Leben ist, Gott zu erkennen. Das ist Glückseligkeit, sagen die Heiligen. Mit anderen Worten: Dein Leben wird unendlich voll, wenn du mit Gott unterwegs bist. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Ist echte Glückseligkeit im Alltag wirklich möglich? Diese Fragen stehen hinter den Veröffentlichungen des Giskim-Projekts. Erfahre mehr im regelmäßigen Newsletter und, wenn du willst, unterstütze die Arbeit von Giskim!

    Darum will ich dasselbe Prinzip noch einmal anders formulieren, dieses Mal mit der alles entscheidenden Komponente: Die Heiligkeit der Kirche ist nicht irgendeine Abstrakte, sondern sie ist die Heiligkeit des Kreuzes. An dem blutigen Holz der Schande hat Jesus sich mit seiner Kirche vereint und alle Menschen zu sich gezogen.

    Wahre Heiligkeit ist gekreuzigt. Was meine ich damit?

    Die Lehre der Kirche funktioniert nur (um es einmal so zu sagen), wenn wir uns mit ihrem Herrn vereinen und seinen Fußspuren nachfolgen. Und das ist der Weg des Kreuzes. 

    Deshalb sieht Heiligkeit oft wie eine vermeintliche Niederlage aus. Jesus wurde von den Führern seines auserwählten Volkes verfolgt. Oft müssen auch die Heiligen Anfeindungen von den Gliedern ihrer eigenen Kirche erdulden, weil es in der Regel die Unheiligen sind, die sich in den Vordergrund drängen und den Ton angeben wollen. Heilige manipulieren nicht, drängen sich nicht auf, sind nicht unanständig, und deshalb erscheint ihr Weg – der wahre Weg der Kirche – oft so unattraktiv und wenig erfolgversprechend.

    Und doch hat ihr Herr in der vermeintlichen Niederlage des Kreuzes dem Teufel die Macht des Todes genommen und durch sein vergossenes Blut das Leben seiner Kirche hervor fließen lassen. Und auf ähnliche Weise siegen am Ende auch die Heiligen der Kirche oft durch vermeintliche Niederlagen hindurch.

    Das zeigt uns auch das sogenannte Bilderbuch der Bibel, die Offenbarung. Dort sah Johannes in einer Vision eine unzählbar große Schar an Heiligen im Himmel, »aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen«. Er verwunderte sich über sie und erfuhr, dass sie aus der »großen Bedrängnis« kamen (Offb 7,9ff.). Es war die große Bedrängnis, die vermeintliche Niederlage, die so viele Heilige hervorgebracht hatte. 

    Gott und seine Heiligen siegen gerade da, wo die Niederlage am größten scheint. Und vielleicht beantwortet dieses seltsame Mysterium zumindest ein stückweit, warum die Kirche von so vielen Skandalen geplagt wird. Denn sie ist eine Kirche des Kreuzes.

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