Die letzte christliche Generation?

    In der westlichen Welt erfolgen die Umbrüche derzeit in einem so hohen Tempo, dass es uns schwerfällt, zu realisieren, was da alles auf uns zukommt. Das christliche Abendland ist, wie es scheint, unwiderruflich untergegangen. Wie sollen wir darauf reagieren? Was können wir tun?

    Ein Essay von René Malgo

    25. November 2021, 7:00 Uhr
    »Unsere Gesellschaft hat die gemeinsame Basis und den Glauben an etwas Größeres als sie selbst verloren.« Bild: Lorenzo Colombo, Unsplash

    In seinem Buch über die Reformation beschreibt der Historiker Diarmaid MacCulloch zuerst die Zeit vor den Umwälzungen der Reformation. In einem fast schon schwärmerischen Tonfall schildert er, wie einfache Gläubige durch das katholische Westeuropa spazieren und in simpler Volksfrömmigkeit an den Schreinen am Straßenrand anbeten konnten und wie sie überall, wo sie hinkamen, denselben Glauben und dieselbe Gottesdienstpraxis antrafen. Das verklärt anmutende Bild, das MacCulloch zeichnet, löste bei mir Befremden aus, als ich es das erste Mal las – schon deshalb, weil der Historiker gar kein Katholik ist und in Fragen der Sexualmoral auch nicht mit der Kirche übereinstimmen würde. Heute verstehe ich besser, was er meint.

    Wir leben in einer fragmentierten Gesellschaft, in der sich immer weniger Menschen untereinander auf grundlegende Fragen des Lebens einigen können. Der katholische Philosoph Alasdair MacIntyre beobachtete, dass die Widersprüchlichkeit heute nicht nur zwischen Menschen, sondern im Menschen selbst herrscht. Er untersuchte Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten und stellte fest, dass hinter mehreren Urteilsbegründungen sich gegenseitig ausschließende Philosophien standen – manchmal in ein- und demselben Satz! Der moderne Mensch steht im Krieg mit sich selbst.

    Die aktuelle Corona-Impfdebatte legt die tieferliegenden Probleme, die unsere Gesellschaft plagen, schonungslos offen. Vernünftiger Diskurs und eine gesunde Debattenkultur scheinen nicht mehr möglich. Die verschiedenen Seiten schreien sich nur noch an. Die Mainstream-Medien sind zu hörigen Propaganda-Blättern geworden, demokratisch gewählte Politiker spielen sich als kleine Diktatoren auf und die Dissidenten wähnen sich immer mehr als Partisanen, die gerufen sind, den Staat mit Gewalt zu bekämpfen. Warum? Weil die moderne Gesellschaft kein gemeinsames Fundament mehr hat. 

    Das irrationale und panische Verhalten, das viele gerade in dieser Corona-Krise an den Tag legen, ist wohl nur das Symptom eines kulturellen Niedergangs, in dem die westliche Welt schon länger begriffen ist. Es offenbart lediglich die Finsternis und das Chaos, die schon länger unter der Oberfläche des Wohlstands geschwelt haben. In diesem Sinne erweist sich die Pandemie tatsächlich als eine Apokalypse, nämlich im wahrsten Sinne ihres Wortes: Apokalypse bedeutet Offenbarung, und in unseren Tagen offenbart sich, wie brüchig die Gesellschaft wirklich ist.

    Der reformierte Kirchenhistoriker Carl Trueman weist diesbezüglich auf den christlichen Denker Philip Rieff hin. Rieff hat in seinem Werk Sacred Order/Social Order (Heilige Ordnung/Soziale Ordnung) die Kulturen der Menschheit in drei Kategorien eingeteilt.

    Die »Erste Welt« sind die Kulturen, die ihre Existenz mithilfe von Mythen rechtfertigen. Das sehen wir in den nordischen Sagen, in den griechischen Göttermythen und so weiter und so fort. Es sind Geschichten über das Schicksal. Diese Legenden sorgen dafür, dass die Kulturen der Ersten Welt etwas größerem als sich selbst verpflichtet sind.

    Die »Zweite Welt« nun wird nicht charakterisiert von ihrem Glauben an Schicksal, sondern vom Glauben selbst. Beispiele für Kulturen dieser Welt sind die des Judentums, Christentums und Islam. In ihnen sind die kulturellen Ordnungen dem Glauben an eine höhere, richtende Macht verpflichtet. Die Erste und die Zweite Welt sind sich ähnlich, weil sie ihre Sozialordnung auf eine tiefere, ja heilige Ordnung fußen lassen.

    Die »Dritte Welt« allerdings ist eine Kultur, die jegliche heilige Ordnung mit Füßen tritt. In der Dritten Welt gibt es nichts außerhalb dieser Welt selbst, was die Kultur bestimmen könnte oder sollte. Trueman schreibt: »Die Folgen dessen sind, laut Rieff, umfassend und katastrophal.«

    Darum wirkt unsere Kultur – allem Fortschritt und materiellen Wohlstand und der geringen Kriminalitätsrate zum Trotz – so chaotisch. Darum gehen beispielsweise die LGBTQ-Kämpfer so aggressiv vor. Darum genießen Verschwörungstheorien wieder Hochkonjunktur. Wir leben in der »Dritten Welt«, unsere Gesellschaft hat die gemeinsame Basis und den Glauben an etwas Größeres als sie selbst verloren. Und jetzt sind wir dazu verdammt, selbst Werte, Sinn und Ziel des Lebens festzulegen. Doch dazu sind wir begrenzten Menschen gar nicht in der Lage. Wir machen uns kaputt, und deshalb schreien wir uns nur noch an.

    Ein radikaler Umschwung ist im Gange, den wir noch gar nicht richtig fassen können. Und es sieht ganz danach aus, dass die Corona-Krise diese Umwälzungen nur beschleunigt. Es geht uns, materiell gesehen, nach wie vor gut. Wir sind in der Regel abgesichert, aber die Panik nimmt dennoch zu. Etwas liegt in der Luft. Aber was?

    »Eine Kultur, die ihre Normen weder von Mythen noch von Gott selbst als höhere und heilige Ordnung nimmt, wird in sich selbst zusammenbrechen.« Bild: Margaux Bellott, Unsplash.

    Es ist so: Eine Kultur, die ihre Normen weder von Mythen noch von Gott selbst als höhere und heilige Ordnung nimmt, wird in sich selbst zusammenbrechen. Sie kann sich nicht halten. Kulturen, in denen nichts mehr heilig ist und die nur noch um ihrer selbst willen existieren, zerfallen zwangsläufig. Und das macht den gegenwärtigen Genderwahn, den Angriff auf die Familie, den Zerfall der Werte, die Impfdebatte und die blutrünstige Mob-Mentalität der verschiedenen Seiten so gefährlich und so tragisch. Wenn eine Gesellschaft keine gemeinsamen Normen und Tabus mehr hat, hört diese Gesellschaft auf, als Gesellschaft zu existieren.

    Und dennoch, mit religiöser Hingabe klammern sich viele an den Kampf gegen den Klimawandel, oder den Kampf für soziale Gerechtigkeit, oder den Kampf gegen die Ungeimpften, oder den Kampf für die Rechte der LBGTQ-Bewegung. Die bedingungslose Hingabe, die hierbei so oft gezeigt wird, ist ohne Frage religiös.

    Und das ist das Problem, vor dem der moderne Mensch steht: auch wenn wir Gott aus der Gesellschaft verbannen, bleiben wir in unserem Inneren doch religiös. In uns liegt nun einmal das Verlangen, für etwas Größeres und Höheres zu leben und darin vereint zu sein. Von Natur aus sind wir Menschen nicht immerzu auf Streit aus. Wir wollen Harmonie und Frieden. Wir verlangen nach Gemeinschaft, denn wir sind von einem Gott der Liebe geschaffen worden. Meinungsverschiedenheiten zermürben uns. Wir blühen auf, wenn wir in der Gemeinschaft, zu der wir gehören, eines Sinnes sein können. Und doch scheinen wir machtlos gegen die zunehmende Zersplitterung der Gesellschaft zu sein.

    Wer konservativ ist, kann sich selbst nicht zwingen, progressiv zu werden – und umgekehrt; obwohl beide Seiten versuchen, die andere zu überstimmen, mal mehr, mal weniger aggressiv. Fakten, das haben Wissenschaftler schon zur Genüge nachgewiesen, verändern unsere Meinung nur selten. Das meiste läuft über die Emotionen. Das bedeutet: wer am sentimentalsten argumentiert, hat oft gewonnen. Darum haben zum Beispiel traditionell orientierte Christen in der Öffentlichkeit keine Chance gegen die LGBTQ-Bewegung. Denn in den emotionalen Geschichten, die der progressiv denkende Mensch erzählt, sind die Christen, die gleichgeschlechtliche Liebe ablehnen, die Unterdrücker und die sexuellen Minderheiten die Unterdrückten. Und niemand, der seine Sinne beisammenhat, will auf der Seite der Unterdrücker stehen!

    Die Polarisierung einer untergehenden Gesellschaft macht eine vermeintliche Neutralität nahezu unmöglich. Es wird wohl immer weniger möglich sein, in Ruhe sein Leben als Christ zu führen. Die Tage, wie sie zur Zeit des Kaisers Decius, Mitte des 3. Jahrhunderts, waren, scheinen nicht mehr fern. Damals war das Christentum eine tolerierte Minderheit am Rand der Gesellschaft. Es ging den Gläubigen in der römischen Multikultur relativ gut. Viele bekleideten hohe Posten. Aber plötzlich brach die überraschende Verfolgung aus, und Roms Bürger mussten als Zeichen ihrer Loyalität dem Kaiser und den Göttern opfern. Zu Tausenden fielen Christen vom Glauben ab, teilweise schneller als ihr Schatten – so wurde berichtet.

    Wir stehen heute vor einer ähnlichen Situation. Wohl wird uns nicht sofort mit dem körperlichen Tod gedroht, aber immer mehr mit dem gesellschaftlichen. Viele Berufe werden Christen, die ihren Glauben konsequent leben wollen, nicht mehr ausüben können. Was zum Beispiel soll ein gläubiger Polizist tun, wenn – wie in ähnlicher Weise zum Teil in Großbritannien geschehen – der staatliche Arbeitgeber verfügt, jeder Polizist müsse als Ausdruck seiner Bejahung des queeren Lebensstils einen Regenbogenflaggen-Pin am Revers tragen? Was ist mit Ärzten, die Abtreibungen durchführen oder bei körperlich völlig gesunden Kindern Geschlechtsumwandlungen vornehmen müssen?

    In der Regel wollen wir nur ein ruhiges, sicheres und finanziell einträgliches Leben führen. Wir verlangen nicht viel, doch dabei stehen wir in der Gefahr, den Glauben therapeutisch zu verstehen, als Hilfe zur Selbsthilfe. Gott ist eine Zugabe zum Leben: die Versicherung – der, auf den wir zurückfallen, wenn’s nicht so rund läuft. Aber was tun wir – was tue ich –, wenn dieser allmächtige Gott nun in der Realität und Praxis von uns fordert, mit unserem Herrn Jesus aus dem Lager der akzeptierten Gesellschaft hinauszuziehen und seine Schmach zu tragen (Hebr 13,13)?

    »Martin Luther hat die Gewissensfreiheit gebracht und damit auch – obwohl das nicht seine Absicht war – dem Individualismus die Tür geöffnet.« Bild: Wilhelm Kaulbach, »Die Reformation« (1871).

    Das christliche Abendland ist untergegangen. Der Same dafür wurde ausgerechnet in einem Ereignis gestreut, das viele als Segen betrachten: in der Reformation.

    Martin Luther hat die Gewissensfreiheit gebracht und damit auch – obwohl das nicht seine Absicht war – dem Individualismus die Tür geöffnet (was richtig ausgelebt nicht unbedingt schlecht sein muss). Aber jetzt, wie die Katholiken gerne zu sagen pflegen, ist jeder, der lesen kann, mit der Bibel in der Hand sein eigener Papst. (Dagegen haben übrigens Calvin und Luther mit aller Macht gekämpft; in Calvins Kirche war privates Bibelstudium bzw. eigene Erkenntnisse aus der Bibel ziehen verboten.) Und die nachfolgenden blutigen Religionskriege im Namen Gottes ließen die Menschen in Glaubensfragen zynischer werden … und lockerer.

    Allem Guten zum Trotz, das man in jeder Generation finden kann und auch infolge der Reformation, war dieses Ereignis doch der Anfang vom Ende. Das Leben heute ist fairer, bequemer und ausgeglichener als im Mittelalter. Aber Hand aufs Herz: was bringt uns das für Zeit und Ewigkeit, wenn der Preis dafür unsere Seele ist? Als die Kirche in der Gesellschaft ihre Autorität verlor, verlor irgendwann auch die Bibel ihre Autorität (obwohl die Reformatoren ja das Gegenteil bezwecken wollten), das Christentum schlechthin verlor sie, Gott selbst … 

    Der Historiker Edward Watts wies einmal darauf hin, dass die letzte heidnische Generation, nachdem das Römische Reich christlich geworden war, keine Ahnung davon hatte, dass sie tatsächlich die letzte sein würde. Die Heiden predigten Toleranz, kamen ganz gut mit ihren christlichen Nachbarn aus, und überall um sie herum sahen sie noch ihre Götzentempel mit seinen Ritualen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich das jemals ändern würde. Aber die Christen dachten anders als sie. Eine Handvoll eifriger junger Männer und Frauen – allen voran Ambrosius von Mailand – setzte alles daran, die Anbetung des einen wahren Gottes im ganzen Römischen Reich durchzusetzen. Ihre bedingungslose, für uns heute teilweise unverständliche Hingabe brachte Früchte. Mitte des 6. Jahrhunderts waren sämtliche Tempel geschlossen und das Heidentum zumindest im öffentlichen Leben ausgerottet.

    Heute ist es umgekehrt der Fall. Wir könnten es fast die »Rache der Heiden« nennen. Wir sind die letzte christliche Generation. Die meist jungen Progressiven, die aktiv für die LGBTQ-Bewegung, Abtreibung und ihr Verständnis von sozialer Gerechtigkeit kämpfen, sind verhältnismäßig wenige. Aber sie setzen ihre ganze Kraft und ihr ganzes Leben für ihre Werte ein.

    Das Streben der Progressiven mag im Endeffekt selbstzerstörerisch sein, weil es nichts Höheres gibt, das sie verbindet. Aber aus der verbrannten Erde, die sie in unserer Kultur hinterlassen, wird eher nicht etwas Christliches, sondern etwas Antichristliches auferstehen. Im Gegensatz zu uns oft bequem gewordenen Christen sind viele Progressive bereit, Opfer für ihre Sache zu bringen – und auch »dreckig« zu kämpfen (das sollten wir natürlich nie tun). Es geht hier nicht um den netten und hilfsbereiten homosexuellen Idealisten von nebenan – der auch nur glücklich sein will –, sondern es geht um die aggressiven Kämpfer in der politischen und medialen Elite unserer Kultur. Und sie führen eine genauso tiefgreifende Wende herbei, wie damals Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts das Christentum das alteingesessene Heidentum aus der Öffentlichkeit verdrängte.

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

    Ewiges Leben ist, Gott zu erkennen. Das ist Glückseligkeit, sagen die Heiligen. Mit anderen Worten: Dein Leben wird unendlich voll, wenn du mit Gott unterwegs bist. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Ist echte Glückseligkeit im Alltag wirklich möglich? Diese Fragen stehen hinter den Veröffentlichungen des Giskim-Projekts. Erfahre mehr im regelmäßigen Newsletter und, wenn du willst, unterstütze die Arbeit von Giskim!

    Was können wir dagegen tun?

    Erst einmal ist es gut, wenn wir Christen realisieren, dass wir nicht gegen andere Menschen oder bestimmte Menschengruppen kämpfen. Wir lassen uns nicht einteilen in Geimpfte vs. Ungeimpfte oder Progressive vs. Konservative oder Schwarze vs. Weiße oder sexuelle Minderheiten vs. sexuelle Mehrheiten. Wir gehören zu Christus und seiner Kirche und dienen der Welt, in der wir leben. Wie einst unseren jüdischen Vätern im babylonischen Exil ruft Gott auch uns zu: »Sucht das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl!« (Jer 29,7). 

    Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn hat beobachtet, dass sich das Böse nicht fein säuberlich in verschiedene Gruppierungen hier auf Erden einteilen lässt, sondern dass sich die Grenze zwischen Gut und Böse durch das Herz jedes Menschen zieht.

    Und der alte Mönchsvater Makarios der Große bemerkt: »Das Herz selbst ist ein kleines Gefäß und doch sind in ihm Drachen und Löwen und giftige Tiere und alle Schätze der Bosheit. Dort sind raue und unebene Wege, da Schluchten. Aber auch Gott ist darin, dort sind auch die Engel, da ist das Leben und das Reich, das Licht und die Apostel sind darin, dort sind die Schätze der Gnade. Das alles ist dort.«

    Mit anderen Worten: Wir können in unserem Herzen das Böse regieren lassen oder das Licht. Das ist etwas, das wir Christen nicht vergessen dürfen, auch wenn die Welt in eine Richtung geht, die uns gar nicht gefällt. Wir sollten uns nicht in politische Lager aufteilen und alle verdammen, die nicht zu uns gehören, sondern vielmehr allen um uns herum »die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters«, bringen (vgl. Tit 3,4). Wir sollten das Wohl des Ortes, wohin Gott uns geführt hat, suchen.

    Unser Reich ist nicht von dieser Welt. Unser Grundgesetz ist die Bergpredigt. Unser Bürgertum ist im Himmel. Unser Dienst ist auf der Erde.

    Ob Progressive oder Konservative, Geimpfte oder Ungeimpfte, Minderheiten oder Mehrheiten, alle diese Menschen, die um uns her sind, sind unsere Nächsten, die wir höher achten sollen als uns selbst.  

    Wie das in der Praxis aussieht, zeigen uns viele alte Glaubensväter, unter ihnen auch die Väter von Giskim. Maximus der Bekenner, zum Beispiel, widersetzte sich im 7. Jahrhundert den Irrlehren im Byzantinischen Reich und in der Kirche nicht etwa, indem er seine Mönchsbrüder um sich scharte und einen gewalttätigen Aufstand anzettelte, sondern indem er in Sanftmut, aber entschieden die Wahrheit vertrat und bereit war, dafür zu sterben – ohne andere mit sich in den Tod zu reißen. Er diente, anstatt sein Ego durchsetzen zu wollen.

    Wir müssen uns wohl wieder daran gewöhnen, dass das Wort Gottes tatsächlich wahr ist: »Alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, werden verfolgt werden« (2Tim 3,12). Denn wir dienen im Grunde genommen als Fremdlinge und Pilger einer Gesellschaft, die mittlerweile schlimmer geworden ist als das Römische Reich, das die ersten Christen verfolgt hat. Warum? Weil unsere Kultur eine ist, die den heilsamen Glauben einst gekannt, aber bewusst und willentlich verworfen hat. Und für diese schmerzliche Realität müssen wir die Augen öffnen, ohne unsere Liebe für den Nächsten zu verlieren.

    Ja, wir dürfen und sollten alles tun, um unsere Gesellschaft wieder zurück zu wahrer Schönheit, Güte und Wahrheit zu führen – zu Gott selbst. Denn das ist das Wohl für den Ort, wohin wir geführt worden sind. Ich versuche auch, mit dem Giskim-Projekt meinen kleinen bescheidenen Beitrag dazu zu leisten. Wir dürfen und sollten dafür beten. Doch letztendlich liegt unsere Hoffnung nicht im Hier und Jetzt, im vergänglichen Diesseits, sondern in der Ewigkeit, und einen Unterschied bewirken wir vor allem durch den gelebten Glauben an Jesus Christus.

    Gelebter Glaube, in Hoffnung und Liebe, ist im Endeffekt das Sterben unseres Ichs mit all seinen selbstzerstörerischen Neigungen. Und vielleicht trägt ja der Untergang des christlichen Abendlandes und der Niedergang unserer Kultur genau dazu bei. »Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden«, sagt Jesus (Mt 10,39). – Verlieren heißt nicht, auf alles verzichten zu müssen und neurotisch zu werden, sondern innerlich frei und unabhängig von den eigenen Lüsten und von anderen Menschen und dabei völlig abhängig von Gott zu sein, denn für ihn – das Höhere und den Größeren – sind wir geschaffen worden und in ihm blühen wir auf.

    Ein Novize fragte einst einem Mönch, wie er gerettet werden könnte. Der Mönch sagte ihm: »Geh auf den Friedhof, beschimpfe die Toten und komm morgen wieder.« Das tat der junge Mann. Als er zurückkam, fragte der Mönch ihn: »Und wie haben die Toten auf deine Beschimpfungen reagiert?« Er sagte: »Gar nicht.« – »Gut, und nun geh hin und lobe die Toten und komm morgen wieder.« Und der Novize ging hin, pries die Toten und verglich sie mit den Aposteln und allen Heiligen im Himmel. Als er am nächsten Tag wieder zum Mönch kam, fragte dieser: »Und, wie haben die Toten auf dein Lob reagiert?« Er antwortete: »Gar nicht.« Darauf sprach der Mönch: »Und so wirst du gerettet, wenn du wie die Toten weder auf Beschimpfungen noch auf Lob reagierst, sondern gestorben bist.«

    Das ist Erlösung: der alte, destruktive Mensch wird mit Christus gekreuzigt und der neue, aufwärts strebende Mensch in Verbindung mit Christus Jesus lebt auf. Und wenn wir in der Praxis auf dieses Ziel zu jagen und unser Kreuz täglich auf uns nehmen, dann kann auch die Dunkelheit, das Toben der Stürme, die Verwirrung und alles, was wir nicht einordnen können, um uns herum und in uns selbst an Bedeutung verlieren, und wir werden auf den rechten Weg geführt. 

    Suchen wir – als mit Christus Gestorbene – das Wohl des Ortes, wohin wir geführt sind, und wir können ein Licht für die Gesellschaft sein und ihr das anbieten, was sie jetzt am meisten braucht, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe.

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