Der verlorene Dichter

    Kapitel 1 von »Dantes Inferno«. Über Dante, der sich in einem finsteren Wald verirrt hat, von drei unheimlichen Bestien bedroht wird und auf eine besondere Erscheinung trifft.

    Eine Nacherzählung von René Malgo

    20. November 2021, 11:00 Uhr
    Teil der Serie »Dantes Inferno«. »Bild: Gustave Doré, 1857.

    Er stolperte durch den dunklen Wald. Allein. Wie lange schon? Er wusste es nicht. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Die Verzweiflung hatte sein Herz erfasst und seine Gedanken vergiftet. Den Gipfel, die Mitte seines eigenen Lebens, hatte er erreicht, und er wusste nicht, wie es jetzt mit ihm weitergehen sollte. Denn er hatte seinen Weg verloren. Er irrte durch eine Nacht ohne Ende.

    Es schien, als griffen die finsteren Ranken und Wurzeln der massiven Bäume um ihn herum nach ihm, als wollten sie sich in seine Seele bohren und sie aus seinem Leib reißen. Das wuchernde Gewächs des Waldes engte ihn ein, versperrte ihm den Weg, umschloss ihn von allen Seiten. Die Wildnis war zu seinem Gefängnis geworden. Irgendwo hörte er ein Raubtier knurren, die alten Bäume seufzten müde. Ein weiterer Wanderer, der sich in ihrer Mitte verirrt hatte und unter ihrem dichten Blätterdach verloren gehen würde. Das Licht des Mondes und der Sterne drang hier nicht durch. Oder war es etwa schon Tag? Dante, so war sein Name, ein Italiener und begnadeter Poet, wusste es nicht. Er war an einen Ort des Grauens gekommen, und er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wie.

    Wie im Schlaf war er zuvor durch sein Leben gegangen. Seine Wege schienen vorgezeichnet gewesen zu sein. Und jetzt? Kein Weg weit und breit. Nur abgrundtiefe, unendliche Dunkelheit überall. Hier sangen die Vögel nicht, und die Grillen schwiegen. Es war das Nichts, das ihn umgab und nur so aussah wie ein Wald. Wohin er sich verirrt hatte, das war viel schrecklicher, viel dunkler, viel hoffnungsloser als jede andere Wildnis. Der Tod kam ihm demgegenüber wie eine Erlösung vor.

    Sterben, das wollte er, denn was brachte es, ohne Hoffnung durch die Finsternis zu tappen? Sein Leben war nicht so gelaufen, wie er es sich ausgemalt hatte. Und Dante sah keinen Grund – keinen Silberstreifen am Horizont –, der ihn dazu veranlasste, wieder neu Mut zu fassen. Er kämpfte sich durch das Dunkel wie in einem Fiebertraum.

    Da stieß er auf eine Anhöhe.

    Dante hatte das Ende des Tales erreicht, von dem er gar nicht gewusst hatte, sich darin zu befinden. Er blickte hoch, einen steilen Berg hinauf. Die Bäume wichen und machten schwarzen Felsen und Geröll Platz. Und da war es. Weit oben, zwischen den Felsen, nur ein schmaler Streifen, aber er funkelte. Das warme Licht der Morgensonne, das imstande war, dem Verlorenen wieder den rechten Weg zu zeigen. Ein Vorbote seiner Rettung? Dantes Herz begann laut und schnell zu pochen.

    Sollte es doch so sein, dass sein Irrweg ein Ende finden und er das Licht wieder sehen würde? War er doch nicht völlig hoffnungslos verloren? Er blickte zurück, auf den dichten Wald, der plötzlich hinter ihm lag. Es ließ ihn an ein schäumendes Meer denken, dessen verräterischen Fluten er nun entronnen war. Er krallte sich in das Gestein der Steigung fest, gleich einem angespülten Schiffbrüchigen in den Sand des rettenden Strandes.

    Die Erschöpfung steckte in seinen Knochen, seine müden Beine zitterten. Er war mit dem Leben davongekommen. Vorerst. Würde er hier, in der finsteren, überwucherten Talschlucht bleiben, würde er gewisslich sterben. So viel stand fest. Hier unten war die Finsternis zwar zu seinem vertrauten Genossen, aber keineswegs zu seinem geliebten Freund geworden.

    Nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, wagte er sich an den beschwerlichen Aufstieg, durchs Geröll, den steilen Berg hinauf. Eine Hand nach der anderen, ein Fuß nach dem anderen. Doch kaum hatte er zu klettern begonnen, hörte er zwischen den Felsbrocken über sich ein Fauchen. Dante schaute hoch und kniff die Augen zusammen. Ein Leopard mit gepunktetem Fell schmiegte sich an einen spitzen, hervorstehenden Felsen. Das Raubtier blickte Dante durch seine kleinen schwarzen Knopfaugen direkt an, als könnte es sehen, was in seinem Herzen vor sich ging. Der verlorene Poet versuchte auszuweichen und in eine andere Richtung hochzuklettern, doch mit einem behenden Sprung landete die Wildkatze leichtfüßig auf dem nächsten Felsenstück über dem einsamen Kletterer. So ging das eine Weile hin und her, ohne dass der Leopard Anstalten machte, zu Dante hinabzusteigen. Es schien dem Raubtier Spaß zu bereiten, ihm immer wieder den Weg abzuschneiden. Mehr als einmal dachte Dante daran, aufzugeben. Er kam nicht weiter. Sollte er sich auf dem Weg hinauf ins Licht zerfleischen lassen oder unten im finsteren Wald elendig verenden? Konnte ein Mensch überhaupt so viel Pech haben? Es schien, als lachte ihn die fauchende Raubkatze aus. Sie verhöhnte ihn mit ihren finsteren kleinen Augen und mit ihren geschmeidigen, mühelosen Sprüngen von Fels zu Fels, von Stein zu Stein.

    Das Sonnenlicht am Felsenkamm weiter oben stieg, der Morgen graute, und mit dem glühenden Morgenrot stiegen auch neue funkelnde Sterne auf. Dante sah sie gut am heller werdenden Firmament über ihn. Noch einmal schaute er zurück, in den dichten Wald. Er war weiter gekommen, als er gedacht hätte. Der Wind rauschte durch die dunklen Baumkronen unter ihm. Erneut dachte er an das ungestüme Meer, das ihn zu verschlingen drohte. Da erinnerte er sich, nur dunkel, aber der Gedanke setzte sich in ihm fest und ließ ihn nicht mehr los. Er dachte an Gottes Liebe, die die Schönheit und Majestät der Natur überhaupt erst ins Dasein gerufen hatte: die strahlende Sonne, die glitzernden Sterne, aber auch die blühenden Bäume. Und falls es seine Gnade war, die ihn aus der dunklen Talschlucht zur Anhöhe hinauf ins Licht geführt hatte, dann würde sie ihn auch jetzt auf dem steilen Weg an den Felsen entlang behüten. Dante schöpfte neue Kraft und kletterte weiter, fest entschlossen, sich von dem gefleckten Raubtier keine Angst einjagen zu lassen.

    Doch sein neu entdecktes Vertrauen wurde auf eine harte Probe gestellt. Denn der Leopard hob seinen Kopf, als sich Dante näherte, und sprang dann erschrocken davon. Ein kurzes Lächeln huschte über das kantige Gesicht des Poeten, und dann erstarrte er auf der Stelle. Der Atem stockte ihm. Zwischen dem Geröll und den Steinen über ihn stampfte mit finsterer Miene und drohendem Knurren ein anderes Raubtier auf ihn zu. Die von einem zunehmend aufsteigenden, feinen Nebeldunst durchsetzte Morgenluft schien aus Angst vor dem Koloss zu fliehen, entzweite sich angesichts seines erhobenen Hauptes und seiner stolzen Mähne. Es war der König der Tiere, ein Löwe, und er sah hungrig aus, als er seine scharfen Zähne blitzen ließ.

    Wie sollte er an einem Löwen vorbeikommen? Doch siehe da, kaum war die mächtige Bestie in seinem Blickfeld erschienen, sprang sie mit einem Satz schon wieder auf den nächsten Felsvorsprung und verschwand. Geröll löste sich dort, wo der Löwe abgesprungen war, und einige kleine Steine schlugen Dante polternd ins Gesicht. Ein weiteres tierisches Brummen erklang. Dantes Schockstarre löste sich. Was für eine Kreatur mochte jetzt kommen, vor dem sogar der Löwe Reißaus nahm? Ein schmaler Kopf mit spitzer Schnauze schaute fast zaghaft zwischen den Felsen über ihn hervor. Das Tier, kleiner als der Leopard und der Löwe, fletschte die Zähne und trat auf sanften Pfoten näher. Es war eine Wölfin, abgemagert und mit vernarbtem, zerzaustem Fell. Ihre äußere Erscheinung sah erbärmlich aus, und doch spürte Dante auf seiner Haut sofort die Kälte, die die Wölfing begleitete. In ihren flammenden Augen stand die unersättliche Gier, und Dante musste daran denken, über wen sie nicht schon alles Verderben gebracht hatte. Ihre unbändige Bosheit war deutlich zu spüren; die Luft wurde dünn und eisig, als breite sich von der Wölfin das Nichts aus, um allem, was ist, das Leben zu entziehen.

    Von wegen Gnade und göttliche Liebe! Er war gleich drei reißenden Bestien auf seinem Weg nach oben begegnet, und es hatte ganz den Anschein, als würde er jetzt zur Beute einer erbarmungslosen Wölfin werden. Hier oben, zwischen den Felsen, im aufgehenden Licht der Morgensonne, erwies sich die Lage als noch hoffnungsloser als unten, zwischen den finsteren Bäumen, die ihn für ewig hatten umherirren lassen wollen. Niemals würde er die Spitze erreichen. Dante war hoffnungslos verloren, und dass er sich zwischenzeitlich doch Hoffnungen gemacht hatte, kam ihm jetzt als eine große Dummheit vor.

    Er wich zurück, während die Wölfin sich langsam näherte. Die Steine unter seinen Füßen rutschten und knirschten, und Dante sah sich wieder dorthin zurückgedrängt, wo die Sonne für immer schwieg. Der finstere Wald, der Ort des Grauens, dem er doch gerade erst entkommen war. Er fühlte sich wie ein Mann, der einen kostbaren Schatz gefunden hatte, der ihm jetzt wieder entrissen wurde. Das Geröll polterte, als er weiter in die Tiefe stürzte und der milchige Nebel des Morgens dichter wurde.

    Da erblickte er zwischen den Felsen die schummrige Gestalt eines Mannes. Schwebte dieser oder trat er mit seinen Füßen auf? Die Erscheinung schwieg und schien sich an dem Raubtier auf der Anhöhe, ganz in seiner Nähe, nicht zu stören. Teilnahmslos und ohne große Eile bewegte sich die Gestalt durch die steinige Ödnis des Berges, und es war nicht deutlich, ob sie auf Dante zuging oder nur ziellos umher ging. Hatte Dante es mit einem Geist zu tun oder mit einem Menschen aus Fleisch und Blut? Mit einem Dämon oder einem Engel? Das war ihm jetzt einerlei, und in seiner Todesangst brüllte er flehend:

    »Wer du auch bist, erbarme dich meiner! Ob Lebender oder ein Schatten, erbarme dich!«

    Der Mann hielt inne, im Nebel sah Dante ihn nur schemenhaft. Seine Stimme klang traurig und getragen, als er antwortete:

    »Ein Lebender bin ich nicht, wohl war ich einst ein solcher. Meine Eltern waren beide Lombarden und ihre Vaterstadt war Mantova. Geboren wurde ich unter Julius, dem Cäsaren, wenn auch spät. In Rom lebte ich zur Zeit Augustus des Kaisers, als man noch die falschen Lügengötter ehrte. Ein Dichter war ich, sang von des Anchises gerechtem Sohn, der von Troja kam, als Ilion, die stolze Veste, verbrannt wurde. Doch du, weshalb bist du so geplagt? Warum ersteigst du nicht diesen schönen Berg, der der Anfang und die Ursache aller Freude ist?«

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

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    »Du bist Vergil«, rief Dante mit zittriger Stimme, »die Quelle, aus der solch gewaltigen Ströme der Redegewandtheit fließen!«

    Die Schamesröte stieg dem Poeten ins Gesicht. Er spürte es, und erregt rief er weiter: »O Licht und Ehre der Dichter, mein Eifer und meine unauslöschliche Liebe für dein Buch seien dir für mich empfohlen. Du bist mein Meister, mein hohes Vorbild, und nur von dir habe ich den schönen Stil des Schreibens übernommen, wofür ich auch geehrt wurde. Siehst du da oben dieses Untier, das mich zur Umkehr trieb? Errette mich vor ihm, vielgepriesener Weiser! Wegen ihm kommt es mir so vor, als zerflossen meine Gebeine und Innereien zu Wachs.«

    Dante brach in Tränen aus. Er war aufgewühlt und erschöpft. Der römische Dichter aus alter Zeit blieb vor ihm stehen; noch immer verhüllte der Nebel eine klare Sicht auf ihn. Leise sprach er:

    »Wenn du diesem argen Ort entgehen willst, musst du einen anderen Weg nehmen. Denn die Bestie, weswegen du klagst, lässt niemanden vorbeiziehen. Sie hindert jeden, bis sie ihn getötet hat. So bösartig ist sie, so verdorben, dass ihre schnöde Gier niemals gesättigt wird. Hat sie einmal gefressen, ist ihr Hunger größer als zuvor. Viele Tiere sind es, mit denen sie sich einlässt, und noch mehr werden es sein, bis jener erscheinen wird, der Jagdhund, der sie unter Qualen töten wird. Seine Speise wird weder Land noch Silber sein, sondern Weisheit, die Liebe eines Christen und Tugendhaftigkeit. Zwischen Feltro und Feltro ist er daheim, das gebeugte Italien wird er retten, wofür einst Camilla, die Jungfrau, starb, und Eurialus, Turnus und Nisus bluteten. Von Stadt zu Stadt wird er die Wölfin jagen, bis er sie zur Hölle zurückgetrieben hat, von wo der erste Neid sie überhaupt erst losgelassen hat. Deshalb halte ich es zu deinem eigenen Heil für das Beste, wenn du mir folgst; ich will dein Führer sein. Durch ewige Räume werde ich dich geleiten. Du wirst die Schreie der Verzweiflung hören von jenen alten Geistern, die der Schmerz gebrochen hat und die allesamt nach dem zweiten Tod sich sehnen. Danach wirst du solche sehen, die in den Flammen zufrieden sind, weil sie – wie spät es auch immer sein mag – zu den Auserwählten zu gelangen hoffen. Willst du dann schließlich auch zu diesen emporsteigen, wird eine Seele, würdiger als ich, dich dahin führen, wenn ich von dir scheide. Denn dort oben thront der Herrscher über das All, und weil ich im Leben sein Gesetz nicht befolgt habe, wünscht er, dass man nicht durch mich in seine Stadt komme. Wo er regiert, da ist seine Stadt und sein hoher Thron. Gesegnet ist, wer bei ihm wohnen darf.«

    Dante hatte ihm mit offenem Mund zugehört. Er war sich nicht sicher, ob er alle Worte des römischen Dichters verstanden hatte, aber sie ließen sein Herz höher schlagen. Hinter Vergil, oder besser hinter seinem Geist, drang von oben das Licht der Sonne in den Nebel. Die Wölfin lauerte zwischen den Felsen, nicht weit von ihnen entfernt. Aber offenbar wagte sie es nicht, anzugreifen, solange die Schattenerscheinung des verstorbenen Vergil da war. Dante krächzte, denn seine Kehle war ausgetrocknet und seine Lippen waren spröde geworden:

    »O Dichter, ich beschwöre dich, bei jenem Gott, den du nicht kanntest, führe mich dorthin, von dem du geredet hast, damit ich diesem hier und größerem Unheil fliehe!« – Dante warf einen verstohlenen Blick die Anhöhe hinauf, wo im dampfenden Morgendunst die Augen der Wölfin feuerrot glühten. – »Lass mich das Tor des heiligen Petrus sehen und auch jene, von deren Traurigkeit du mir erzähltest!«

    Vergil verneigte sich kurz, wandte sich um und glitt durch den Nebel, an den Felsen vorbei, in die Richtung, von wo er gekommen war. Dante folgte ihm, keuchend und stolpernd. Und die Wölfin blieb zurück und sah den beiden knurrend hinterher.

    Eine Nacherzählung von »Die göttliche Komödie: Die Hölle«, Erster Gesang.

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