Das Prinzip der Gerechtigkeit

    Scheint es nicht so, dass die Entscheidung des Herrn, von einer Jungfrau geboren zu werden, die Folge gründlicher Überlegungen gewesen ist? Auf diese Weise erfuhr der Teufel nichts davon, dass der Menschheit das Heil in Person geboren worden war. Die Empfängnis durch den Heiligen Geist blieb ihm wohl verborgen und so meinte er, dass der Herr nicht anders war als die anderen. In seinen Augen war er auf keine andere Weise als die übrigen Menschen zur Welt gekommen. Ja, der Satan könnte sich gedacht haben, dass der Sohn Gottes den gleichen Ursprung wie wir alle hatte, sah er doch, dass der Herr unserer Natur in allem ähnelte. Unser Feind erkannte nicht, dass Christus frei von den Fesseln war, die durch die Übertretung des göttlichen Gesetzes entstehen. Denn der Satan konnte ja durchaus beobachten, dass der Herr genausowenig wie wir von den Schwächen der sterblichen Natur ausgeschlossen war.

    Gott, der wahrhaft Mitleid mit uns empfindet, hätte unsäglich viele Mittel für die Erlösung der Menschheit wählen können. Dennoch entschied er sich vor allem anderen für diesen Weg der Errettung. Um die Werke des Teufels zu vernichten, wollte Er nicht die Kraft seiner Allmacht einsetzen, sondern das Prinzip der Gerechtigkeit.

    Nicht ganz ohne Grund beanspruchte ja der stolze Menschenfeind das Recht eines Gebieters über uns. Nicht mit Unrecht übte er eine erdrückende Herrschaft über uns aus. Denn er hatte uns mit unserer eigenen Zustimmung von Gottes Geboten entfremdet und uns durch List seinem Willen unterworfen. Er musste also genau in dem besiegt werden, worin er uns versklavt hatte. Ansonsten wäre die Befreiung der Menschheit aus seiner Hand nicht rechtmäßig gewesen.

    Und so wurde Christus ohne den Samen eines Mannes von einer Jungfrau empfangen. Es geschah nicht durch menschlichen Beischlaf, sondern durch die Befruchtung des Heiligen Geistes. Üblicherweise geht bei keiner Mutter die Empfängnis ohne sündige Befleckung von sich. Doch für die Jungfrau wurde genau dies zur Quelle der Reinheit: wo sich kein väterlicher Same ergoss, da drang auch kein Keim der Sünde ein.

    Ihre Jungfräulichkeit blieb ungeschwächt, sinnliche Lust erkannte sie nicht, obwohl sie ihren Leib gab. Unser Herr nahm von seiner Mutter nur die menschliche Natur, nicht auch die Schuld. Er kam in Knechtsgestalt zur Welt, ohne sich im Zustand der Knechtschaft selbst zu befinden. In ihm verband sich der neue Mensch so mit dem alten, dass er zwar einerseits unsere wahre Art annahm, andererseits allerdings die alte, durch Abstammung weitergegebene Sünde von sich ausschloss.

    »Denn weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, wegen der Sünde, um die Sünde im Fleisch zu verurteilen« (Röm 8,3).

    Ein Tagesimpuls von Leo dem Großen

    Aus: »Sermones«, Bibliothek der Kirchenväter, sprachlich überarbeitet. 
    26. November 2021, 5:00 Uhr

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

    Ewiges Leben ist, Gott zu erkennen. Das ist Glückseligkeit, sagen die Heiligen. Mit anderen Worten: Dein Leben wird unendlich voll, wenn du mit Gott unterwegs bist. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Ist echte Glückseligkeit im Alltag wirklich möglich? Diese Fragen stehen hinter den Veröffentlichungen des Giskim-Projekts. Erfahre mehr im regelmäßigen Newsletter und, wenn du willst, unterstütze die Arbeit von Giskim!

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