Das blaue Kreuz, Teil I

    »Er erinnerte sich daran, wie Flambeau einmal mithilfe einer Nagelschere und einmal dank eines brennenden Hauses entkommen war, einmal, indem er für einen unfrankierten Brief bezahlen musste, und einmal, indem er die Leute dazu brachte, durch ein Teleskop auf einen Kometen zu schauen, der die Welt zerstören könnte.« – Über einen französischen Meisterkriminellen in England; Vater Browns erster Fall. 

    Eine Kurzgeschichte von G. K. Chesterton

    18. November 2021, 11:00 Uhr
    Teil der Serie »Vater Brown«. Bild: »Männer auf der Straße«, Patricq Kroon, 1920–1930.

    Das Schiff dockte zwischen dem silbernen Streifen des Morgens und dem grün glitzernden Streifen des Meeres in Harwich an und ließ einen Pulk von Leuten wie die Fliegen ausschwärmen, unter denen der Mann, dem wir folgen sollten, nicht im Geringsten auffiel – was er auch nicht wollte. Er hatte nichts Bemerkenswertes an sich, abgesehen von dem leichten Kontrast zwischen der fröhlichen Urlaubsstimmung seiner Kleidung und dem gewichtigen Beamtenernst seines Gesichtes. Er trug eine leichte, hellgraue Jacke, eine weiße Weste und einen silbernen Strohhut mit einem grau-blauen Band. Sein hageres Gesicht war im Gegensatz dazu dunkel und endete in einem kurzen schwarzen Bart, der etwas Spanisches an sich hatte und an eine elisabethanische Halskrause erinnerte. Seine Zigarette rauchte er mit der Hingabe eines Müßiggängers. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass sich unter der grauen Jacke ein geladener Revolver, unter der weißen Weste ein Polizeiausweis und unter dem Strohhut eines der mächtigsten Intellekts Europas verbarg. Denn er war Valentin höchstpersönlich, Leiter der Pariser Polizei und berühmtester Ermittler der Welt; und er war von Brüssel nach London gekommen, um die größte Verhaftung des Jahrhunderts vorzunehmen.

    Flambeau befand sich in England. Die Polizei dreier Länder hatte den Meisterverbrecher von Gent bis Brüssel und von Brüssel bis zum Hoek van Holland verfolgt; und man vermutete, dass er die Unbekanntheit des in London stattfindenden Eucharistischen Kongresses und die Verwirrung, die dieser verursachte, ausnutzen würde. Wahrscheinlich würde er als ein unbedeutender Angestellter oder Sekretär reisen, der mit dem Kongress in Verbindung stand; aber natürlich konnte Valentin das nicht mit Sicherheit wissen; niemand konnte sich sicher sein, wenn es um Flambeau ging.

    Es war schon viele Jahre her, als dieser Gigant des Verbrechens plötzlich aufgehört hatte, die Welt in Aufruhr zu versetzen; und seitdem herrschte – wie man es nach dem Tod Rolands ausgedrückt hatte – eine große Ruhe auf Erden. Aber in seinen besten Tagen (ich meine natürlich seinen schlechtesten) hatte Flambeau ein statueskes und internationales Format wie der Kaiser besessen. Fast jeden Morgen hatten die Tageszeitungen verkündet, dass er den Konsequenzen eines außergewöhnlichen Verbrechens entkommen war, indem er einfach ein weiteres beging. Er war ein Gascogner von hünenhafter Statur und athletischer Kühnheit; und man erzählte sich die wildesten Geschichten über seine Ausbrüche körperlichen Humors; wie er den Untersuchungsrichter auf den Kopf stellte, damit dieser »den Kopf frei« bekäme; wie er die Rue de Rivoli mit jeweils einem Polizeibeamten unter dem Arm hinunter rannte. Man konnte ihm zugute halten, dass er seine sagenhafte Körperkraft für solche zwar würdelose, aber in der Regel doch unblutige Szenen einsetzte; seine wirklichen Verbrechen bestanden vor allem aus raffinierten und groß angelegten Raubüberfällen. Jeder seiner Diebstähle war schon fast eine neue Art von Sünde für sich und würde auch eine Geschichte für sich ergeben.

    Er war es gewesen, der die große Tiroler Molkerei-Gesellschaft in London betrieben hatte, ohne Molkereien, ohne Kühe, ohne Wagen, ohne Milch, aber mit einigen tausend Kunden. Diese hatte er bedient, indem er einfach die kleinen Milchkannen vor den Türen anderer zu den Türen seiner eigenen Kunden brachte. Er war es gewesen, der seine Nachrichten winzig klein auf den Dias eines Mikroskops fotografiert hatte und mittels dieses außergewöhnlichen Tricks eine unverantwortliche und innige Korrespondenz mit einer jungen Dame geführt hatte, deren gesamte Tasche mit Briefen dann abgefangen wurde. Viele seiner diebischen Experimente waren jedoch von einer durchschlagenden Einfachheit geprägt. Es heißt, er habe einmal mitten in der Nacht alle Nummern einer Straße neu gestrichen, nur um einen Reisenden in die Falle zu locken. Es ist ziemlich sicher, dass er einen tragbaren Briefkasten erfunden hat, den er an Ecken in ruhigen Vorstädten aufstellte, damit Fremde ihre Postanweisungen dort hineinwerfen konnten. Und schließlich war er als verblüffend beweglicher Akrobat bekannt, der trotz seiner riesigen Gestalt wie ein Grashüpfer springen und wie ein Affe in den Baumkronen verschwinden konnte. Als der große Valentin sich auf die Suche nach Flambeau machte, war er sich also durchaus dessen bewusst, dass seine Abenteuer nicht zu Ende sein würden, wenn er ihn gefunden hatte.

    Aber wie sollte er ihn finden? In dieser Frage waren die Ideen des großen Valentin noch nicht über die Entwicklungsphase hinausgekommen.

    Es gab allerdings eine Sache, die Flambeau all seiner geschickten Verkleidungen zum Trotz nicht verbergen konnte, und das war seine ungewöhnliche Größe. Hätte Valentins schnelles Auge eine hochgewachsene Apfelverkäuferin, einen stattlichen Grenadier oder auch nur eine halbwegs große Herzogin erblickt, hätte er sie wohl auf der Stelle verhaften können. Doch auch als er im Zug saß, entdeckte er keinen, der ein vermummter Flambeau hätte sein können,  genauso wenig wie eine Giraffe sich als Katze hätte tarnen können. Von den Personen auf dem Schiff hatte er sich bereits überzeugt; und die in Harwich oder während der Zugfahrt Zugestiegenen beschränkten sich mit Sicherheit nur auf sechs Seelen. Es gab einen kleinen Bahnbeamten, der bis zur Endstation fuhr, drei ziemlich kleine Gärtner, die zwei Stationen später abgeholt wurden, eine sehr kleine Witwe, die aus einer kleinen Stadt in Essex kam, und einen sehr kleinen römisch-katholischen Priester, der aus einem kleinen Dorf in Essex kam. Beim Anblick von Letzterem gab Valentin auf und hätte fast gelacht. Der kleine Priester entsprach so sehr dem Wesen dieser östlichen Gefilde – sein Gesicht war rund und stumpf wie ein Norfolk-Knödel, seine Augen schienen leer wie die Nordsee und er war völlig unfähig, die braunen Papierpakete, die er bei sich hatte, zusammenzuhalten. Der Eucharistische Kongress hatte zweifellos viele solcher Gestalten, blind und hilflos wie ausgegrabene Maulwürfe, aus ihrer örtlichen Starre an die Oberfläche gespült. Valentin war ein Skeptiker im kompromisslosen Stil Frankreichs und konnte keinerlei Liebe für Priester aufbringen. Aber er konnte Mitleid mit ihnen haben, und dieser hier hätte jedermanns Mitleid erweckt. Er führte einen sperrigen und schäbigen Regenschirm mit sich, der ihm ständig auf den Boden fiel. Außerdem schien er keine Ahnung zu haben, welches das richtige Ende seiner Rückfahrkarte war. Mit der Schlichtheit eines Einfaltspinsels erklärte er allen im Wagen, dass er vorsichtig sein müsse, weil er in einem seiner braunen Papierpakete etwas aus echtem Silber »mit blauen Steinen« habe. Diese merkwürdige Mischung aus Essex-Flachheit und heiliger Einfalt amüsierte den Franzosen so lange, bis der Priester (irgendwie) mit all seinen Paketen in Tottenham das Zugabteil verließ und wieder zurückkehrte, um seinen Regenschirm zu holen. Daraufhin brachte Valentin tatsächlich die Güte auf, ihn zu ermahnen, das Silber zu hüten und nicht jedermann davon zu erzählen. Aber mit wem auch immer Valentin unterwegs sprach, er hatte stets für jemand anderen ein waches Auge. Unablässig hielt er nämlich Ausschau nach solchen – ob reich oder arm, männlich oder weiblich –, die mindestens sechs Fuß groß waren, denn Flambeau maß vier Zoll darüber.

    An der Liverpool Street stieg er aus, in der Gewissheit, dass er den Verbrecher nicht übersehen hatte. Anschließend ging er zu Scotland Yard, um seine Position zu klären und für den Fall der Fälle Hilfe zu organisieren. Dann zündete er sich eine weitere Zigarette an und machte einen langen Spaziergang durch die Straßen Londons. Als er die Straßen und Plätze jenseits von Victoria entlang ging, hielt er plötzlich inne und blieb stehen. Er hatte eine ruhige, malerische Stelle erreicht, typisch für London, von zufälliger Stille erfüllt. Die hohen, flachen Häuser ringsum sahen zugleich wohlhabend und unbewohnt aus; der von Sträuchern besetzte Platz in der Mitte lag verlassen wie eine grüne Insel im Pazifik da. Eine der vier Seiten um den Platz erhob sich, gleich einem Podest, viel höher als die anderen, und ihre Linie wurde von einem der bewundernswerten Zufälle Londons gebrochen – ein Restaurant, das aussah, als hätte es sich aus Soho hierher verirrt. Es war ein unverschämt attraktives Objekt, mit Zwergpflanzen in Töpfen und langen, gestreiften Jalousien in Zitronengelb und Weiß hinter den Fenstern. Es stand besonders hoch über der Straße, und, wie in London üblich, führte eine Treppe von der Straße zur Eingangstür hinauf, fast so wie eine Feuerleiter zu einem Fenster im ersten Stock. Valentin verharrte rauchend vor den gelb-weißen Jalousien und betrachtete sie eine Zeit lang.

    Das Unglaublichste an Wundern ist, dass sie tatsächlich geschehen. Ein paar Wolken am Himmel fügen sich zu der Form eines glotzenden menschlichen Auges zusammen. Während einer von Unsicherheit geprägten Reise erhebt sich in der Landschaft ein Baum in der genauen und ausgefeilten Form eines Fragezeichens. Beides habe ich in den letzten Tagen selbst gesehen. Nelson stirbt im Augenblick des Sieges, und ein Mann namens Williams ermordet ganz zufällig einen Mann namens Williamson; es klingt wie eine Art Kindermord. Kurzum, es gibt im Leben Zufälle von elfenhafter Qualität, die fantasielose Menschen immer wieder übersehen können. Wie es im Paradoxon von Poe gut ausgedrückt wurde, sollte die Weisheit mit dem Unvorhergesehenen rechnen.

    Aristide Valentin war durch und durch Franzose, und die französische Intelligenz ist eine besondere und einzigartige. Er war keine »denkende Maschine«, denn das ist eine hirnlose Phrase des modernen Fatalismus und Materialismus. Eine Maschine ist nur deshalb eine Maschine, weil sie nicht denken kann. Aber er war ein denkender Mensch, und ein einfacher Mensch zugleich. All seine wunderbaren Erfolge, die wie Zauberei aussahen, hatte er durch Logik, durch das klare und im Alltag verwurzelte Denken eines Franzosen errungen. Die Franzosen elektrisieren die Welt nämlich nicht, indem sie ein Paradoxon erfinden, sie elektrisieren sie, indem sie eine Selbstverständlichkeit in die Tat umsetzen. Und sie führen das, was selbstverständlich ist, bis zu seinem äußersten Ende – wie in der Französischen Revolution. Aber gerade weil Valentin die Vernunft verstand, verstand er auch die Grenzen der Vernunft. Nur ein Mann, der nichts von Motoren versteht, spricht vom Fahren ohne Benzin; und nur ein Mann, der nichts von Vernunft versteht, spricht vom Denken ohne starke, unbestrittene Grundprinzipien. Doch in diesem Fall verfügte er über keinerlei starken Grundprinzipien. Flambeau war in Harwich vermisst worden; und wenn er sich überhaupt in London aufhielt, dann konnte er alles Mögliche  sein, von einem großen Landstreicher in Wimbledon Common bis zu einem großen Toastmaster im Hôtel Métropole. Angesichts dieses bloßen Zustands der Unwissenheit hatte Valentin so seine eigene Sichtweise und Methode entwickelt.

    In solchen Fällen rechnete er mit dem Unvorhergesehenen. Denn wenn er dem Zug des Vernünftigen nicht folgen konnte, dann folgte er kühl und sorgfältig dem Zug des Unvernünftigen. Statt an die richtigen Orte zu gehen – Banken, Polizeistationen, Treffpunkte –, suchte er systematisch die falschen Orte auf. Er klopfte an jedes leere Haus, bog in jede Sackgasse ein, fuhr jede mit Müll verstopfte Gasse hinauf, umrundete jeden Häuser-Crescent, der ihn sinnlos vom Weg abbrachte. Diesen verrückten Kurs verteidigte er mit simpler Logik. Er sagte, wenn man eine Ahnung habe, sei dies natürlich der schlechteste Weg. Habe man aber überhaupt keine Ahnung, so sei dies der beste, weil nun die Chance bestehe, dass jede Merkwürdigkeit, die dem Verfolger auffalle, dieselbe sei, die zuvor schon dem Verfolgten aufgefallen sei. Irgendwo muss ein Mann ja anfangen, und es ist besser, wenn es genau dort ist, wo ein anderer Mann hätte aufgehört haben können. Irgendetwas an der Treppe, die zu dem Laden hinaufführte, irgendetwas an der Ruhe und der Seltsamkeit des Restaurants weckte die seltene romantische Phantasie des Detektivs und ließ ihn den Entschluss treffen, wahllos zuzuschlagen. Er ging die Treppe hinauf, setzte sich an einen Tisch am Fenster und bestellte eine Tasse schwarzen Kaffee.

    Quaerere Deum, invenire beatidudinem

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    Es war mitten am Vormittag, und er hatte noch nichts gefrühstückt. Die wenigen Reste anderer Frühstücksteller auf den umstehenden Tischen erinnerten ihn an seinen Hunger. Nachdem er seiner Bestellung ein pochiertes Ei hinzugefügt hatte, machte er sich gedankenverloren daran, etwas weißen Zucker in seinen Kaffee zu schütten, und dachte dabei unentwegt an Flambeau. Er erinnerte sich daran, wie Flambeau einmal mithilfe einer Nagelschere und einmal dank eines brennenden Hauses entkommen war, einmal, indem er für einen unfrankierten Brief bezahlen musste, und einmal, indem er die Leute dazu brachte, durch ein Teleskop auf einen Kometen zu schauen, der die Welt zerstören könnte. Valentin glaubte, dass sein Detektivhirn so gut sei wie das eines Kriminellen, was auch stimmte. Aber er war sich der Nachteile durchaus bewusst. »Der Verbrecher ist das schöpferische Genie, der Detektiv nur der Kritiker«, sagte er mit einem säuerlichen Lächeln und führte die Kaffeetasse langsam an seine Lippen, um sie dann schnell wieder abzustellen. Er hatte Salz hineingetan.

    Er betrachtete das Gefäß, aus dem das silbrige Pulver gekommen war. Es war zweifellos ein Zuckergefäß, so eindeutig für Zucker bestimmt wie eine Champagnerflasche für Champagner. Er fragte sich, warum darin Salz aufbewahrt werden sollte. Er überprüfte, ob sich noch weitere der üblichen Streuer auf dem Tisch finden ließen. Ja, er entdeckte gleich zwei Salzfässchen, die ziemlich voll waren. Vielleicht war das Gewürz in diesen beiden Streuern eine Besonderheit. Er probierte es; es war Zucker. Daraufhin schaute er sich mit erneuertem Interesse im Restaurant um, um herauszufinden, ob es noch andere Spuren jenes eigenartigen kreativen Geistes gab, der den Zucker in die Salzstreuer und das Salz in das Zuckergefäß getan hatte. Abgesehen von einem einzelnen Spritzer dunkler Flüssigkeit an einer der weiß tapezierten Wände wirkte der ganze Ort ordentlich, fröhlich und gewöhnlich. Er läutete nach dem Kellner.

    Als der Bedienstete, zu dieser frühen Stunde noch mit verstrubbeltem Haar und etwas trüben Augen, herbei eilte, bat ihn der Detektiv (der auch die einfacheren Formen des Humors zu schätzen wusste), den Zucker zu probieren, um zu sehen, ob dieser dem guten Ruf des Lokals entspräche. Das Ergebnis war, dass der Kellner plötzlich aufgähnte und hellwach war.

    »Spielst du deinen Gästen jeden Morgen diesen köstlichen Streich?», erkundigte sich Valentin. »Und wird das Wechseln des Salzes und des Zuckers als Scherz nicht irgendwann fade?«

    Als ihm Valentins Ironie bewusst wurde, versicherte der Kellner stammelnd, dass der Betrieb gewiss keine solche Absichten hege, es müsse sich um einen höchst merkwürdigen Fehler handeln. Er nahm das Zuckergefäß in die Hand und betrachtete ihn; er nahm den Salzstreuer in die Hand und betrachtete ihn, wobei der Ausdruck der Verwirrung in seinem Gesicht nur zunahm. Schließlich entschuldigte er sich abrupt, eilte davon und kehrte wenige Sekunden später mit dem Wirt zurück. Der Wirt untersuchte genauso den Zuckerbehälter und dann den Salzstreuer; und auch der Wirt sah verwirrt aus.

    Plötzlich brach der Kellner in einen Redeschwall aus, bei dem seine Ausdrucksweise immer unklarer zu werden schien.

    »Ich tenke«, stotterte er schnell, »ich tenke, es sind diese zwei Geistlichen.«

    »Welche zwei Geistlichen?«

    »Die zwei Geistlichen«, sagte der Kellner, »die die Suppe an die Wand geworfen haben.«

    »Die Suppe an die Wand geworfen haben?«, wiederholte Valentin, der sich sicher war, dass es sich hierbei um irgendeine eigenartige italienische Metapher handeln musste.

    »Ja, ja«, rief der Kellner aufgeregt und zeigte auf den dunklen Fleck auf der weißen Tapezierung, »er hat sie dort drüben an die Wand geworfen.«

    Valentin schaute fragend zum Wirt, der ihm mit einer ausführlicheren Schilderung der Ereignisse zu Hilfe kam.

    »Ja, mein Herr«, sagte er, »es ist ganz richtig, obwohl ich nicht glaube, dass das etwas mit dem Zucker und dem Salz zu tun hat. Zwei Geistliche kamen sehr früh herein und bestellten eine Suppe, kaum hatten wir die Fensterläden entfernt. Sie waren beide sehr ruhige, anständige Leute; einer von ihnen bezahlte die Rechnung und ging hinaus; der andere, der insgesamt wie eine Schlafmütze wirkte, brauchte einige Minuten länger, um alle seine Sachen zusammenzusuchen. Aber schließlich ging er doch. Nur, in dem Moment, bevor er auf die Straße trat, hob er absichtlich seine Tasse auf, die er nur halb geleert hatte, und warf die Suppe an die Wand. Ich war selbst im Hinterzimmer, der Kellner auch, und so konnte ich gerade noch rechtzeitig herauseilen, um die Wand bespritzt und unser Lokal leer vorzufinden. Er hat keinen besonderen Schaden angerichtet, aber es war eine verdammte Frechheit; und ich versuchte, die Männer auf der Straße zu erwischen. Sie waren aber schon zu weit weg; ich habe nur sehen können, dass sie um die nächste Ecke in die Carstairs Street gegangen sind.«

    Der Detektiv stand bereits auf den Beinen, hatte den Hut aufgesetzt und hielt seinen Gehstock in der Hand. Sein Entschluss stand schon fest: Solange sein Verstand allgemein im Dunkeln tappte, würde er dem ersten ungewöhnlichen Fingerzeig folgen, und dieser war ungewöhnlich genug. Er bezahlte seine Rechnung, schlug die Glastüren hinter sich zu und schwang sich kurz darauf auf die andere Straße.

    Aus: The Innocence of Father Brown. Übersetzt von René Malgo.

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